Die Evangelische Pfarrkirche St. Nikolaus in Gutenberg

ein Kirchenführer von Christa Reichle
zusammengestellt nach Quellen aus dem Pfarramtsarchiv, Erzählungen und Aufschrieben von Gemeindegliedern aus Gutenberg und Krebsstein


Die Geschichte der Nikolauskirche

Sein besonderes Angesicht erhält ein Ort durch seine Kirche. Die Kirche ist die Seele des Ortes. Und so steht im schönen oberen Lenninger Tal, wo Berge, Wald und Wiesen eng zusammenrücken, die Nikolaus-kirche im Zentrum des Dorfes Gutenberg. Sie steht an der Stelle des alten, dunklen und feuchten Kirchleins, dessen Geschichte wir gar nicht genau kennen, da keine Lagerbücher mehr aus damaliger Zeit vorhanden sind. Der erste Nachweis einer eigenen Gutenberger Kapelle St. Nikolaus findet sich jedoch in den Investiturprotokollen der Diözese Konstanz von 1437; kirchenrechtlich war sie eine Filialkapelle der Oberlenninger Pfarrkirche, bis sie nach der Reformation 1540 zur Pfarrkirche erhoben wurde. Auch die Burgkapelle auf der nahe liegenden Ruine Sperberseck soll einst dem heiligen Nikolaus geweiht gewesen sein.

Der Neubau unserer heutigen Nikolauskirche wurde in sehr kurzer Zeit bewältigt. In einem Dokument, das man bei früheren Renovierungsarbeiten bei der Abnahme der alten Kirchturmspitze in der Kugel fand, steht Folgendes zu lesen:

"Im Jahr des Herrn 1865 wurde die alte Kirche samt Thurm abgebrochen und neu aufgebaut. Am Adventsfest, 3. Dezember 1865, wurde der erste Gottesdienst in der Kirche gehalten. Das Dach des Thurmes wurde im Dezember aufgerichtet und im Januar gedeckt. Der Knopf und das Kreuz wurden am 11. Januar 1866 aufgestellt. Der ganze Jahrgang war sehr günstig zum Bau, im Sommer regnete es wenig und im Winter fiel bis in Januar nur zweimal ein wenig Schnee.

Die Einweihung wird im Sommer 1866 geschehen. Der Riss der Kirche wurde von Bauinspektor de Pay in Stuttgart entworfen und unter Leitung des Bauführers Koch von Nürtingen ausgeführt. Bis hieher hat uns der Herr geholfen. Ihm sei Lob und Dank!

Gutenberg, 11. Januar 1866.

Das gemeinschaftliche Amt
Pfarrer Hochstetter
Schultheiß Hink
Schultheiß Schilling von Schlattstall."


In der Chronik des Kirchenbaues, vom damaligen Pfarrstelleninhaber Pfarrer Eduard Hochstetter verfasst, ist nachzulesen: am 27. April 1865 wird mit dem Graben des Fundaments begonnen. In einer Tiefe von 9 -10’ * (ca. 2,50 m) kommt erst ein guter Grund von Kies. Das Fundament wird hier bis zu dieser Tiefe gemauert. Auf den Grund werden große Kalksteinplatten von der Gutenberger Steige gebracht, besonders auf die Ecken. Der Sandstein, mit dem die Kirche erbaut wurde, kommt aus Oberensingen aus dem Steinbruch des Steinhauers Graner. ...
Die Kirche ist 64’ (ca.18 m) lang und 40’ (ca. 11,5 m) breit. Der Turm ist bis zur Spitze 120’ hoch (ca. 35 m). Der gegen Osten stehende Turm enthält zugleich den Chor wie bei der alten Kirche. Die Decke des Schiffes ist dachförmig. Der Stil von Kirche und Turm ist einfach gotisch. Akustisch ist die Kirche sehr gut gebaut. Mit 519 Sitzplätzen ausgestattet. ...
Am Adventsfest, 3. Dezember desselben Jahres, konnte im provisorisch hergerichteten Kirchenschiff (d.h. der Boden wurde mit Brettern ausgelegt, statt der Orgel begnügte man sich mit dem Harmonium von Pfarrer Hochstetter) der Adventsgottesdienst abgehalten werden. So wurden den Winter über die Gottesdienste in der Kirche gehalten.
„6. Dezemb.
wurde mit dem Aufsetzen des Holzstockes auf den Thurm begonnen. Die Witterung war trocken, doch war des Morgens das Gebälk vom Reifen etwas naß, daher die Arbeit nicht ohne Gefahr war. Es gieng aber auch diese Arbeit sowie der ganze Kirchenbau Gottlob ohne Unglück vorüber.“
Im Frühling wurde der Gottesdienst in die Schule verlegt, da doch noch so manches im Kircheninneren zu richten war.

Einweihung der Nikolauskirche

Die Nikolauskirche wurde am 15. Juli 1866 in einem feierlichen Umzug und Gottesdienst eingeweiht. Pfarrer Hochstetter zur Einweihung: „Diese fiel in eine kriegerische, sehr bewegte Zeit, in die Zeit des preußisch-österreichischen Krieges. Während in Böhmen die beiden Heere einander entgegenrückten, hatten wir hier mit den Zubereitungen zur Kircheneinweihung zu thun. Das Festprogramm wurde entworfen und dem Dekanat, Generalsuperintenden und Consistorium vorgelegt. Als Festtag wurde der 15. Juli bestimmt. Somit fiel derselbe zwischen die Hauptschlacht bei Königgrätz 3. Juli und zwischen den für die Württemberger heißen Kampf bei Tauberbischofsheim 24. Juli; es waren Tage der Spannung, da man zwischen Furcht und Hoffnung schwebte. Zu den Vorbereitungen auf die Einweihung gehörte namentlich auch, die Glieder der Gemeinde zu Stiftungen in die neue Kirche zu veranlassen. Ein Aufruf von der Kanzel und eine Ermunterung an die Jugend war nicht umsonst. Es kamen größere und kleinere Beiträge zusammen.

Vier neue Altarkannen von Zinn, 2 große und 2 kleine wurden gestiftet, ferner die Bedeckung für Altar, Taufstein und Kanzel, ein Kruzifix auf den Altar (Anm. d. Verfasserin: nicht mehr vorhanden). Die Sonntagsschüler stifteten ein größeres Opferteller (Anm. d. Verfasserin: gestohlen). Ein auswärtiger Jüngling ein kleineres Opferteller. Die Werktagschüler eine Bibel und Gesangbuch.“

„Der 15. Juli (Sonntag) brach an als ein schöner Sommertag. Der Festzug der Gäste u. Einheimischen ordnete sich vor dem Pfarrhause, wie das gedruckte u. in der Gemeinde ausgetheilte Programm vorschrieb: Lehrer u. Schulkinder voran, dann Geistliche, Prälat v. Hauber, Dekan Weitzel, zwischen ihnen der Ortsgeistliche; Pf. Hochstetter von Schopfloch, Pf. Schall von Oberlenningen, Pf. Dieterich von Unterlenningen, Pf. Vogt von Dettingen, Pf.Verw. Fink von Ochsenwang. - Die früheren noch lebenden Geistlichen von Gutenberg, Stpf. Riecke v. Neuffen, Pf. Hauser v. Roßwälden u. Pf. Leopold v. Gronau waren auch eingeladen worden, sie waren aber alle verhindert zu kommen. - Ferner folgten Beamte: Oberamtmann Jdler, Cameralverwalter Ziegler, gms. Finanzrath Pflüger, Verw.aktuar Sigel, sodann die Bauleute, unter ihnen Bauinspektor de Pay, nach ihnen der Gemeinderath, Männer u. Jünglinge, Weiber u. Mädchen.

Um 10 U. begann die Feier mit dem Liede: Nun danket alle Gott, welches vor dem Pfarrhause gesungen wurde. Unter dem Läuten der Glocken gieng der Zug vom Pfarrhause zur Kirche, u. machte auf dem Kirchplatz Halt. Während des Zugs sang der Gesangverein mit den Kindern: Womit soll ich dich wohl loben. Zwischen Schule u. Kirche sprach der Ortsgeistliche ein Abschiedswort, weil in der Zwischenzeit der Gottesdienst in der Schule gehalten worden war. Hierauf holten die Kirchenältesten die heil.[igen] Gefässe in der Schule, um sie in die Kirche zu tragen, u. die Gemeinde sang: Thut mir auf die schöne Pforte. Nun wurde vor dem Hauptthor gegen Westen der Schlüssel vom Baumeister dem Ortsgeistlichen übergeben u. dieser öffnete das Thor. Als die Geistlichen u. Beamten eingetreten waren, folgten ihnen durch das hintere Thor die Männer u. Jünglinge, während die Seitenthüren nun für Weiber u. Mädchen geöffnet wurden.

In der Kirche sang zuerst der Gesangverein: Jehova! Deinem Namen sei Ehre, Macht u. Ruhm. Hierauf trat Dekan Weitzel in den Altar u. hielt die Weiherede über Ps. 84. Nun ertönte die Orgel u. die Gemeinde sang: Gott Vater! aller Dinge Grund. Der Ortsgeistliche trat auf die Kanzel u. hielt die Predigt über 1 Pet.2,5. Und auch ihr, als die lebendigen Bausteine, bauet euch zum geistlichen Hause u. zum heiligen Priesterthum, zu opfern geistliche Opfer, die Gott angenehm sind durch Jesum Christum. Nun sang die Gemeinde Vs. 2: Sohn Gottes, Herr der Herrlichkeit, u. darauf hielt Prälat v. Hauber eine Ansprache mit Gebet. Wiederum stimmte die Gemeinde an u. sang nach der Melodie: Wachet auf einen Vers: Droben knien vor Deinem Throne. Darauf wurde der Gemeinde noch der Segen ertheilt u. der Gesangverein schloß mit dem Liede: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth. Die ganze Feier gieng in schönster Ordnung vorüber. Die Kirche faßte beinahe alle Festgäste, nur wenige standen vor den Thüren. Eine unbedeutende Störung verursachte die Orgel, an deren Blasebalken etwas brach. Gegen das Ende der Feier verdunkelte sich der Himmel, es stieg ein Gewitter auf, das nach der Feier sich wieder verzog.“

Zuerst wurde vom bisherigen Lokal, dem Schulhause Abschied genommen. Dann wurde gesungen: Thut mir auf die schöne Pforte.
Pfarrer Hochstetter fährt fort: An dem nur wenige Schritte entfernten Haupttor gen Westen wurde mir von Baumeister de Pay der Schlüssel übergeben und dann die Thüre von mir im Namen des dreieinigen Gottes geöffnet. Zuerst hielt Dekan Weitzel eine Ansprache, dann predigte ich über 1. Petrus 2, 5. Den Schluß machte Prälat v. Hauber mit Gebet.
Im Chor befand sich eine Holztafel mit dem Verzeichnis der Geistlichen, die leider abgenommen wurde und durch eine kleine Tafel ersetzt wurde. Das auf Papier geschriebene Verzeichnis unter Glas hängt in der Sakristei.

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