Glocken

1955 ließ die Kirchengemeinde eine elektrische Läuteanlage und eine neue Turmuhr einbauen. Der mit der Abnahme der Läuteanlage beauftragte Sachverständige der Landeskirche, Kirchenrat Schildge, beschrieb die beiden Glocken unter anderem folgendermaßen:

„Die größere Glocke hat einen unteren Durchmesser von 1.038 m, die Höhe 0.82 m, 728 kg, Ton a. Ihr Gußjahr ist mit 1466 angegeben. Die Glocke stammt aus dem Kloster Schmiedfelden. Sie hat als Schulterinschrift zwischen Taustegen:

,s lukas marcus matheus iohannes ano do m cccc lxvi‘.

Am Schlagring befinden sich 3 Stege. Der Kronenbügel hat einen rechteckigen Querschnitt und einen scharfen Knick.

Die kleinere Glocke hat einen unteren Durchmesser von 0.835 m und eine Höhe von 0.70 m, ihr Gewicht ist 380 kg, Ton e’. Sie zeigt keine Jahreszahl wie die größere Glocke. Das Gußjahr wird um 1300 geschätzt. Die Schulterinschrift in Unzialen lautet:

LUCAS MARCUS MATEUS S IOHANNES

(die letzten Buchstaben vergossen). An der Flanke zeigt die Glocke zweimal den Gekreuzigten ohne Kreuz. Der Kronenbügel hat an der Vorderseite 2 derbe Stege.

Beide Glocken sind musikalisch hochwertige Instrumente. Die große Glocke fällt auf durch ihre ausgezeichnete Vibration. Ihr Schlagton klingt 6 Sekunden nach. Ein seltener Fall für eine Glocke mit diesem Gewicht! Die Resonanz der Glocke, die über das Werturteil entscheidet, ist selten schön.

Die kleine Glocke zeichnet sich aus durch eine selten gehörte Lyrik ihrer Klanggebung.

Solche wertvollen Glocken sollten eigentlich von Hand geläutet werden, was allerdings Läuter erfordert, die ihr Geschäft als Kunst ausüben wie das Spiel eines anderen hochwertigen Instruments. Im übrigen läuten die Glocken in einem ausgewogenen, ebenmäßigen, betonten Rhythmus. Der Anschlag ist weich; es ist eine gediegene Präzisionsarbeit geleistet worden, die Anerkennung verdient. Die Abnahme der Läutemaschinen wird empfohlen.

Die Frage, ob das Geläute in späteren Jahren einmal zu einem Dreigeläute ausgebaut werden sollte, ist nicht leicht zu beantworten. Im Blick auf die Größe der Gemeinde könnte der Einbau einer 3. Glocke d’’, verantwortet werden. Doch ist ernsthaft zu erwägen, ob man das mittelalterliche Zwiegeläute mit seinem eigenartigen Reiz nicht besser beläßt, wie es ist.“

Die große Glocke musste am 12. März 1942 zum Einschmelzen abgenommen werden. Glücklicherweise blieb ihr dieses Schicksal erspart. Pfarrer Lutz reiste nach dem Krieg den Glocken hinterher, entdeckte sie unversehrt im Glockenlager des Hüttenwerks in Lünen und sorgte für ihre Rückkehr nach Gutenberg. 1976/77 musste der Turm einer gründlichen Renovierung unterzogen werden. Dabei wurden auch die beiden Glocken abgenommen und in Nördlingen mit einer Metalllegierung versehen. Zurückgekehrt an ihren Platz laden sie wieder ein mit ihrem Geläute zu allen kirchlichen Festlichkeiten und begleiten mit ihrem Klang die Verstorbenen der Gemeinden Gutenberg, Schlattstall und Krebsstein auf ihrem letzten Gang.

Die Glocken hatten in der Vergangenheit nicht nur die Aufgabe, zu den Gottesdiensten zu rufen. Das Glockengeläute zu den bestimmten Tageszeiten war nicht nur Erinnerung an Jesu Kreuzigung. Die Gutenberger und Krebssteiner wussten früher genau, was die Glocke geschlagen hatte. Armbanduhren konnte sich der kleine Mann noch nicht leisten. So gab die große Glocke mit dem Elfuhrläuten für die Frauen das Zeichen, vom Feld heimzugehen und zu kochen. Das Dreiuhrläuten war einfach Richtungszeitanzeige. Beim Abendgeläute wussten die Kinder, jetzt müssen sie heim und für viele Gemeindeglieder war das Abendgeläute Einladung zum Nachtgebet.

Vom Läutedienst der Konfirmanden

Vor dem Einbau der elektrischen Läuteanlage waren die Konfirmanden verantwortlich für das Läuten der Kirchenglocken. Die Buben hatten im Gottesdienst ihren Platz auf dem „Läuterbänkle“. Vor dem Vaterunserläuten mussten sie auf den Turm und auf das Klingelzeichen zum Läuten warten, das von der Mesnerin gegeben wurde.

In einer Anekdote wird erzählt, dass es ein paar Läutebuben zu lange wurde, bis zum Klingelzeichen zu warten; man könnte ja die Zeit nutzen und auf den wenige Minuten entfernten Schlossberg steigen. Einer der Buben hatte dort oben die Pfeife vom Ähne versteckt und „Hecksaraerla“ (Mark des Holunder) rauchen war damals „in“.

Über dieser interessanten Beschäftigung wurde die Pflicht des Läutens vergessen. Jedoch fiel es nach einiger Zeit einem der Buben ein und mit Schrecken und schlechtem Gewissen stürmten sie den Schlossberg hinunter, Richtung Kirche. Es war Winter und daher unwegsam. Einer der Buben blieb im Gestrüpp hängen und zerriss seine Hose. Mit zerrissener Hose in die Kirche - auf keinen Fall! Die Mutter des einen Konfirmanden war Näherin, was also lag näher, einen Abstecher bei ihr zu machen und die Hose notdürftig flicken zu lassen! Danach Spurt weiter zur Kirche. Von Weitem schon sahen sie die ihnen händeringend entgegenlaufende Mesnerin. Das Klingelzeichen zum Vaterunser war gegeben und kein Ton der Glocke war zu hören. Was tun? Lieber jetzt noch läuten als gar nicht, sagten sie sich und rannten wie die Hasen, das Vaterunserläuten nachzuholen. Vom damaligen Pfarrer setzte es danach eine gehörige Strafpredigt. Wer Pfarrer Lutz noch kennt, kann bestimmt nachfühlen! Die pflichtvergessenen Konfirmanden werden diesen Sonntag wohl nie vergessen haben.