Kirchliches Brauchtum in Gutenberg
Ein kleiner Rückblick auf Brauchtum und Gepflogenheiten in unseren Gemeinden, die nicht mehr praktiziert oder in Vergessenheit geraten sind. Nach Erzählungen und Aufschrieben zweier Gemeindeglieder aus Gutenberg und Krebsstein.
Emma Bader schreibt zum Ablauf von Beerdigungen in Gutenberg - Krebsstein und Schlattstall:
Der Verstorbene wurde mit Würde behandelt. Der Sarg wurde von einem ortsansässigen Schreiner angefertigt und der Verstorbene mit Hilfe der Angehörigen in den Sarg gelegt.
Am Begräbnistag wurde der Sarg auf 2 Holzböcke gestellt und zugenagelt. Dann wurde der Sarg mit Kränzen behängt (4-6 Stück, je nach Reichtum). Der Leichenchor und der Pfarrer trafen ein. Der Chor sang ein Lied; 4 Männer hoben den Sarg auf mit Hilfe von 2 Stangen, die mit Tauen verbunden waren. Und dann ging’s zum Friedhof. Je nach Länge der Wegstrecke wurde 1-2-mal Halt gemacht und der Chor sang. Der letzte Halt war immer vor dem Friedhof. Dann lief die Beerdigung in gleichem Rahmen ab wie heute.
Nicht so einfach waren die Beerdigungen von Krebsstein und Schlattstall!
Die Krebssteiner bestanden darauf, dass sie den „Steig“ heruntergetragen wurden. Dazu wurden alle Männer gebraucht, denn es war schon mühsam den Steig herunter. Der Leichenchor lief nach Krebsstein, um vor dem Haus zu singen. Dann ging es talwärts. Dreimal wurde Halt gemacht. Die Träger wechselten und der Chor sang.
Die Schlattstaller Verstorbenen wurden auf einem mit Tannenreisig geschmückten Leiterwagen, von einem Pferd gezogen, nach Gutenberg gebracht. Auf der Hauptstraße wurde der Sarg vom Wagen gehoben, auf Böcke gestellt, es wurde gesungen und dann der Sarg zum Friedhof getragen. Diese Art der Leichenbegängnisse lief so bis zum Krieg ab. Als in Krebsstein die Männer rar wurden, hat man auch die Krebssteiner Toten mit dem Pferdefuhrwerk über Schopfloch nach Gutenberg gebracht. Die Krebssteiner Bauern nahmen auf ihre Art von den Toten Abschied, indem sie oft zwei bis drei Tage durchzechten und nicht nach Hause gingen. Ja, das waren noch Zeiten!“
Eine wichtige Aufgabe hatten die „Winker“ und auch „Läutebuben“. Die Winker waren Buben mit einem roten Taschentuch an einem Stecken. Sie standen meistens am Schlossberg und oben auf der Friedhofmauer. War „Halt“ angesagt, so musste der Winker winken, damit die Läuter mit dem Läuten aussetzten und wenn es weiterging, das Geläute wieder einsetzte. Sollte das nicht klappen, dann anderntags ... Aber die Buben bekamen auch ein bisschen Geld für ihre Dienste.
Manch älteres Gemeindeglied weiß noch um alte kirchliche Bräuche.
Rosa Maier aus Krebsstein erinnert sich:
In früheren Jahren, heute nicht mehr, wurde die Sitzordnung in der Kirche streng eingehalten. Ein jeder Flecken hatte „seine Seite“ oder „seinen Stuhl“. Die Krebssteiner waren stolz auf „ihren Stuhl“ in der Kirche und es war selbstverständlich, dass man am Sonntagmorgen den Krebssteiner Steig herunter ging oder mit der Kutsche über Schopfloch in die Kirche nach Gutenberg fuhr. Auch für die Mägde und Knechte war der sonntägliche Kirchgang Selbstverständlichkeit - von wegen am Sonntag müsse man ausschlafen! Ein Feriengast, der gerne in Krebsstein verweilte (Anfang der 30er Jahre), schrieb in einem Brief an den Hofbauern Maier, was es für ihn für ein schönes Gefühl war, mit ihm in die Gutenberger Kirche zum Gottesdienst zu gehen. Auch die Schlattstaller und Gutenberger hatten „ihre Bank“, die jeden Sonntag eingenommen wurde. So gab es die „Ledigenbank“ und die Bank für verheiratete Frauen. Die Konfirmanden hatten ebenso ihren festen Sitzplatz und zwar so, dass sie von der Gemeinde auch gesehen wurden. Als die Kirchenglocken noch von Hand geläutet wurden, das war Sache der Konfirmandenbuben, gab es das „Läuterbänkle“. Das war die Bank auf der Wandseite zum Schulhof. Die Männer saßen auf der Empore und die Frauen unten. Knechte und Mägde hatten ebenfalls „ihren Platz“. Auf der Empore saß gleich vorne am Eck der Treppe rechts vom Westeingang aus gesehen der Büttel in Uniform. Die Schulkinder hatten ihren Platz rechts von der Orgel. Links von der Orgel saßen die ledigen Männer und Burschen. Vor der Orgel war die Bank für den Schultheiß und die Gemeinderäte. Heute besteht diese Sitzordnung nicht mehr, aber noch vor wenigen Jahren konnte es passieren, dass ein Gottesdienstbesucher, der sich in Unwissenheit irgendeinen Platz ausgewählt hatte, mit den barschen Worten verwiesen wurde: „Gang weg, des isch mei Blatz!“
Die Lieder, die am Sonntagmorgen im Gottesdienst gesungen wurden, brachte der Pfarrer (damals Pfr. Groß) am Samstagvormittag dem Lehrer (Bandle), der übte diese gleich im Religionsunterricht mit den Schulkindern ein. Es wurde auch mit der Orgel geübt, was nicht immer ganz leicht war. Wenn es nicht so klappte, wie der Lehrer wollte, so schlug dieser mit seinem Rohrstock über die Orgel. Dieses Einstudieren der Lieder hatte aber den Vorzug, dass die Gemeinde im Gottesdienst leichter mitsingen konnte, da die Kinder die Lieder so gut eingeübt hatten.
An der Konfirmation - so berichtet Rosa Maier - kam Lehrer Bandle, der die Orgel spielte, herunter, um mit den Konfirmanden zusammen um den Taufstein stehend das Lied zu singen: „Stärk uns Mittler, dein sind wir ...“
Zur Taufe trugen die Krebssteiner früher ihre Kinder den Steig herunter. Dies war ein schöner Brauch, der etwa Anfang der 50er Jahre das letze Mal so begangen wurde.
Bei den Trauungen damals war die Sitzordung des Brautpaares in der Kirche auch noch etwas anders. Der Bräutigam und die Braut saßen getrennt. Der Bräutigam, die Brautführer und die Angehörigen des Bräutigams saßen in den langen Querbänken neben dem Chor. Die Braut, ihre Angehörigen und die Brautfräulein saßen in den Bankreihen vorne neben dem Nordeingang. Zur Einsegnung des Paares kam der Bräutigam zur Bank seiner Braut und mit einer leichten Verneigung vor ihr holte er sie ab, gemeinsam gingen sie rechts am Taufstein vorbei vor den Altar. Dann wurde das Lied gesungen: „Auf Gott und nicht auf meinen Rat ...“
Das Einfahren des Erst-Erntewagens war in den 30er Jahren in Krebsstein ein schöner Brauch. Die erste reife Frucht, meistens war es Roggen vom „Hinteren Feld“, wurde zu Garben gebunden und aufgeladen. Der Gutenberger Pfarrer samt den Schulkindern wanderten den Krebssteiner Steig hoch, auch sonst noch Leute, die gerne dabei sein wollten. Mit dem vollen Erntewagen mit Pferdegespann, vierspännig, fuhr man zuerst im Feld herum. Für diejenigen, die nicht mehr gut zu Fuß waren, hatte man Bretter hinten am Wagen angebracht als Sitzplatz. An einem Wegkreuz war Halt. Pfarrer Groß hielt eine Ansprache und die Kinder sagten Reime auf, unter anderem das Gedicht, das heute noch in einigen Krebssteiner Stuben hängt: „Der Bauer ist ein Ehrenmann ...“ Danach ging’s weiter in Richtung Krebsstein. Zuhause angekommen, bekamen die Schulkinder vom Fräulein Schlatter selbst gebackene Wecken.
Auch zum Erntedankfest kamen die Krebssteiner mit geschmückten Wagen nach Gutenberg herunter zur Kirche. Die Wagen wurden mit Tannenreisig ausgeschmückt. Man fragt sich, wann denn dieses bewerkstelligt wurde, da die Leute doch tagsüber viel Arbeit in der Landwirtschaft hatten? Das Tannenreisig holten die jungen Leute bei Nacht! Sie wussten ja, wo es das schönste Reis gab. Und so zogen sie los, mit Taschenlampen ausgerüstet. Die Mädchen mussten den Burschen leuchten, diese kletterten auf die Tannen (das schönste Reis war von den Douglastannen) oder Fichten und schnitten die Wedel herunter. Es konnte dabei auch passieren, dass ein junger „Mannsnam“ beim Heruntersteigen ins Leere tappte und herunterfiel, sich aber Gott sei Dank nicht verletzte.

Die ehemalige Mesnerin der Nikolauskirche, Frau Lotte Kraft (1969-1991), erzählt von der Wiederauffindung des Kirchennamens:
Meine kleine Geschichte beginnt mit unserer großen Glocke. Diese hatte sich etwas selbstständig gemacht, das heißt, sie war verrutscht und streifte den eichenen Glockenstuhl. Eine tiefe Kerbe im harten Holz und merkwürdige Geräusche beim Läuten machten uns aufmerksam. Herr Pfarrer Winter, der unsere Gemeinde mit Schopfloch zusammen betreute, rief bei der Firma Bacher in Bad Friedrichshall an. Bald, es war Anfang November 1981, kam ein Fachmann in Sachen Glocken und Glockenstuhl. Der Herr, der sinnigerweise den Namen Schell trug und ich bestiegen den Turm und sahen uns das Malheur an. Im Laufe der interessanten Unterhaltung kamen wir auf die Namen der Kirchen zu sprechen. Ich sagte zu Herrn Schell: „Unsere Kirche hat keinen Namen!“ Er meinte: „Wenn sie einen hat, steht er im Glockenatlas, ich schicke Ihnen eine Kopie von der Seite, in der die Gutenberger Kirche und ihre Glocken erwähnt werden.“ Einige Tage später, am 24.11.1981 hielt ich die Kopie in den Händen und da stand schwarz auf weiß, unsere Kirche war dem St. Nikolaus geweiht. Seither weiß es jedes Kind, wir haben eine Nikolaus-Kirche.